Oh, Nein! Vor Kurzem lese ich am Sonntag in der FAS in der Rubrik „Wohnen“ von den neuen Einrichtungstrends, der neuen Trendfarbe Grün, lerne den Begriff „Greenery“ kennen, überall Grünpflanzen im Wohnraum, die Natur kommt herein als Mode. Habe ich mir da aus Versehen ein aktuelles Trendthema der Einrichtungsindustrie ausgesucht um meine Galerie zu eröffnen? Das war so nicht geplant. „wenig Licht, kein Wasser“ das soll anspielen auf einen äußerst genügsamen Zustand und dabei ein klein wenig existenziell klingen, leichtes Drama, eigentlich nichts los, außer täglich zu überleben und weiter zu wachsen.

Was ist da eigentlich los mit unserer Sehnsucht nach der Natur? Warum wird so oft ihre Nähe gesucht, zitieren wir sie herbei über das Dekor und Ornament, die Zimmerpflanzen, Holzvertäfelungen, echt oder als Imitat - war die Fototapete nicht auch mal schwer in Mode, oder steht diese nicht auch schon wieder in neuer Blüte dank Digitaldruck und Bilderflut? Sieht man Instagram als Gradmesser der Interessen der Gesamtheit der vernetzen Menschheit, so könnte es sich sicher einmal lohnen zu überprüfen wie viele Blumenarrangements im endlosen Bilderfundus des Netzes neben gestählten Körpern und mehr oder weniger hübsch angerichteten Mahlzeiten auf Beachtung hoffen.

Okka-Esther Hungerbühler (*1988) Blume erscheint als ein eigenartiges Gewächs, aus dem nur der schlau wird, der bereit ist sich auf sie einzulassen. Heißt es nicht, dass Zimmerpflanzen bei denjenigen Besitzern besonders gut gedeihen, die jeden Tag ein paar Worte mit ihnen wechseln?

In seiner Schrift »Liebe und Erkenntnis« weist Max Scheler darauf hin, dass Augustinus »auf sonderbare, mysteriöse Weise« den Pflanzen ein Verlangen zuspricht, »vom Menschen angeschaut zu werden, als geschähe ihnen durch die liebegeleitete Erkenntnis ihres Seins ein Analogon der Erlösung«. Wenn eine Blume in sich eine Seinsfülle hätte, würde sie nicht das Bedürfnis haben, angeschaut zu werden. Sie hat also einen Mangel, einen Seinsmangel. Der liebende Blick, die »liebegeleitete Erkenntnis« erlöst sie vom Zustand des Mangels. So ist sie ein »Analogon der Erlösung«. Erkenntnis ist Erlösung.“¹

Daniel Hauptmanns (*1980) Bilder scheinen schwere Holzblöcke zu sein, Schnitzereien, versehen mit Applikationen, leicht bemalt. Die Linien, deuten Motive an, zarte Pflanzen, ein Horizont, über Stoffreste und Fäden kann man weitere Bildideen spinnen. Holzwürmer haben sich scheinbar durch das Material gefressen und müssten mit verdorbenen Magen zu Grunde gegangen sein, hätten sie sich doch durch Hartschaum gefressen. Hauptmanns Werke sind Schwindeleien, biedern mit den Fakes des Dekorativen an, erheben sich aber selber zu Tafelbildern. Doch bleiben sie viel zu sperrig, als dass sie so ohne weiteres als schön zu akzeptieren wären. Aber auch hier gilt: Die Erkenntnis kann uns in einen neuen Bewußtseinszustand versetzen und was vorher sperrig war, wird plötzlich schön.

Alex Ruthner (*1982) Durch die Serie der Sumpf- und Wiesenbilder zieht sich eine immerwährende Wiederholung von pflanzlichen wild wachsenden Elementen, die den Eindruck von Ornament und Dekor, und in Ihrer Ausführung den Geist traditioneller Malerei hervorrufen. All diese pseudoromantischen Eindrücke muss man aber bei näherer Betrachtung dieser Malerei in Frage stellen. Sie ist der Versuch die Ambivalenz des denaturierten modernen Lebens zu porträtieren.

Das erste Leben, das sich in seichten Gewässern entwickelte und irgendwann aus ihm herausgekrochen ist, hat bis zur momentanen Ebene der Evolutionsleiter eine Natur geschaffen, die der Mensch als nicht mehr förderlichen Evolutionsraum hinter sich gelassen zu haben meint. Wann wird er wieder von ihr eingeholt?

Öffnungszeiten: Mittwoch – Freitag 11 – 18 Uhr, Samstag 11 – 16 Uhr und nach Vereinbarung

¹ aus Byung-Chul Han „Die Austreibung des Anderen“, 2016 Frankfurt am Main, Seite 11


english version

Oh no!” On a recent Sunday, I read in the “Living” section of the Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung about new interior design trends, about the newly fashionable color green, and I learned the new German term “Greenery”—everywhere green plants in the living spaces, nature coming in as a matter of fashion. So did I accidentally choose a trendy topic of the interior design industry for the opening exhibition of my gallery? „wenig Licht, kein Wasser“ [“little light, no water”] alludes to an extremely undemanding state of being, and is supposed to sound a little existential: some light drama, nothing really going on—except surviving every day, and keep growing.

So what is going on with our yearning for nature? Why do people seek out nature, why do we keep referencing it through decors and ornaments, house plants, (real or imitation) wooden paneling–– and wasn’t photo wallpaper terribly fashionable once, or is it back in bloom thanks to digital prints and the daily flood of images? If we see Instagram as an indicator of the interests of the entirety of people active on the Internet, it might be worth checking how many flower arrangements—next to steeled bodies and more or less prettily served meals—are hoping to be noticed.

Okka-Esther Hungerbühler’s (*1988) flower seems like a strange plant, and we can only make sense of it if we are willing to engage with it. Don’t people say that houseplants thrive especially well with those owners who exchange a few words with them every day?

In his book Liebe und Erkenntnis, Max Scheler points out that St Augustine ‘in a strange, mysterious way’ ascribes to plants a desire ‘to be gazed at by man, as if the recognition of their being, motivated by love, would lead to an analog of redemption.’ If a flower had in itself a fullness of being, an atopy, it wouldn't have the desire to be seen. So it has a lack, a privation of being. The loving gaze, the ‘recognition motivated by love,’ redeems it from the state of privation. Thus it is an ‘analog of redemption.’ Recognition is redemption.”¹

Daniel Hauptmann’(*1980) pictures seem to be heavy wooden blocks, with appliqués, lightly painted. The lines hint at motifs, delicate plants, a horizon, and through bits of fabric and threads we can weave into further visual ideas. It seems as if woodworms have eaten their way through the material, but they would have died from an upset stomach, since they would have eaten their way through rigid foam. Hauptmann’s works are big fibs, cozying up to us with fakes of the decorative, but they elevate themselves into panel paintings. However, they are far too unwieldy to be accepted without reservation as beautiful. But here, too, it remains true: recognition can lead us to a new state of consciousness, and what once was unwieldy suddenly becomes beautiful.

Alex Ruthner (*1982)The series of marsh and meadow paintings are characterized by a continuous repetition of wantonly growing elements giving the impression of ornament and, décor and in their execution they are reminiscent of the spirit of traditional painting. Once we look at these paintings more closely, all these pseudo-Romantic impressions have to be questioned. This is the attempt to portray the ambivalence of denatured modern life.

The first life, which developed in shallow waters and at some time crawled forth from it, has up to this point on the evolutionary ladder created a nature that man thinks he has left behind as an evolutionary space because it seems no longer beneficial to him. When will nature catch up to him?

Opening hours: Wednesday – Friday 11 am – 6 pm, Saturdays 11 am – 4 pm and by appointment

¹ Byung-Chul Han „Die Austreibung des Anderen“, 2016 Frankfurt am Main, page 11